Donnerstag, 11. Oktober 2018

Derselbe, immer anders: Ulrich Matthes und die ästhetischen Merkmale seiner Rollen

Ulrich Matthes‘ äußerliche Erscheinung ändert sich kaum von Rolle zu Rolle: auf der Bühne trägt er meistens einfache Kleidung, wenig Schminke, selten eine Perücke; mit wenigen Ausnahmen – wie im „Endspiel“, wo er Blindenbrille und ein glänzends Kostüm anhat, oder in „Macbeth“, wo der königliche Mantel seinen nackten Oberkörper deckt – sieht er fast genauso wie bei einer Lesung aus: kaum verborgen, bleibt der Mensch Ulrich Matthes in jeder Rolle leicht erkennbar. „Matthes ist immer derselbe“, meinte eine Bekannte, und ich konnte ihr eigentlich nicht widersprechen. Er ist derselbe – jedoch immer anders. Ein eifersüchtiger König, ein verkrachter Krämer, ein bedrohter Politiker, ein verliebter Onkel, ein verheirateter Wissenschaftler, ein guter Freund, ein Gelähmter, ein alter Schiffskapitän, ein skeptischer Banker, zwei weitere Könige, ein namenloser Er und viele weitere Personen tauchen auf der Bühne in derselben Gestalt auf und teilen den Körper, die Stimme, die Bewegungen und dieselbe magnetische Präsenz des Schauspielers, ohne dass sie weitere Ähnlichkeiten vorweisen. Dasselbe kann man auch bei Matthes‘ Hörbüchern bemerken: seine Rollen fühlen sich völlig anders an.
Es ist nicht meine Absicht, in dieser Arbeit die von Matthes verkörperten Figuren ausführlich zu charakterisieren. Vielmehr liegt mir am Herzen, in wenigen Worten das zu fassen, was ich bei einigen von ihnen als kennzeichnend und „anders“ wahrgenommen habe. Dem Zuschauer werden die Eigenschaften der Figuren, trotz derer unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Reaktionen von einer Szene zu der anderen, durch ihre besondere Ästhetik vermittelt – und sei diese noch so fein differenziert, dass die Unterschiede kaum bemerkbar sind. Während sich im Falle der Hörbücher eher ein Prozess der Stimmungserzeugung beobachten lässt, weisen die meisten szenischen Rollen sichtbare, hörbare, bewegungs- oder haltungsbezogene Merkmale auf, die sich durch die Handlung wie eine Konstante gegen wilde Gemütswendungen und extreme Ereignisse schlagen. 
An dieser Stelle scheint es mir wichtig, die folgenden Bemerkungen einzufügen: zum einen erschöpft sich Ulrich Matthes‘ Meisterleistung keineswegs in den von mir analysierten Beispielen; zum anderen konnte ich aufgrund meiner Themenwahl nur eine begrenzte Anzahl von Rollen berücksichtigen, wobei ich manche komplexe Bühnenfiguren wie z.B. Ödipus („Ödipus Stadt“) weglassen musste. Im Folgenden beziehe ich mich auf Rollen aus Inszenierungen des Deutschen Theaters, die ich in den letzten drei Jahren (2014 – 2017) erleben durfte, dann aber auch auf Hörbücher, bei denen Matthes als Erzähler, Ich-Erzähler oder auch als handelnde Person mitwirkt.

*
Unter den einfachsten und auffälligsten Merkmalen würde ich die Sprechweise des Naturwissenschaftlers Protassow in „Kinder der Sonne“ zählen. Ulrich Matthes verleiht dieser Rolle eine etwas höhere Stimmlage als gewöhnlich, mit gelegentlichen plötzlich nach oben schwingenden Klängen. Diese Drehung der Stimme erweckt das Bild einer schnellen 180-Grad-Drehung auf Fußspitzen mit der Absicht, den Kontakt mit den anderen zu vermeiden – was auch geschieht. Die dünne Stimme beweist etwas Stärke, als der Mann körperlich angegriffen wird, jedoch ihre hohen Töne klingen in dieser Szene keineswegs gefährlich, sondern eher nach Gejammer. Das alles macht den Eindruck einer in ihren „sonnigen“ Illusionen lebenden Person, die sich von niemandem berühren lassen will.
Den Banker Gottfried W. Kastein im „Himbeerreich“ charakterisiert unter anderem eine Geste: im Sitzen lässt er das Sakko des Anzugs offen, beim Aufstehen macht er den Knopf zu. Wahrscheinlich ist in der Finanzwelt nur das vom Menschen geblieben: eine trockene Geste, die man wiederholt, bis sie zum Automatismus wird. Im ironischen Gegensatz zu Kasteins verbaler Kritik am System zeigt sie, inwiefern er sich noch als Teil des Systems benimmt. Vielleicht ist aber genau diese leere Geste, wenn von einem vielseitigen Schauspieler wie Ulrich Matthes gespielt, eine der stärksten Kritiken an der Finanzwelt überhaupt.
Beim Kapitän Freytag („Feuerschiff“) lässt sich die Tendenz beobachten, seine Sätze in einem tiefen, entschlossenen Ton zu beenden. Unabhängig von ihrem Inhalt beweisen diese durch ihre melodische Harmonie eine in sich geschlossene Struktur, die keine fremden Störungen zulässt. Freytags Sprechweise steht in Übereinstimmung zu seinem Verhalten auf dem Schiff: auf Handlungsebene äußert sich die in seiner Sprechweise bemerkbare Entschlossenheit als passiver Widerstand gegen die bewaffnete Bande, was in dem gegebenen Kontext Selbsgefährdung bedeutet. Unbeweglich wie ein Feuerschiff mitten in der See, bezahlt der Kapitän diese Haltung mit seinem Leben.
            Betrachtet man Dr. Franz Mauer („Das weite Land“) in dem erotikgeladenen Beziehungsnetz, das im Haus seines Freundes entstanden ist, entdeckt man in seiner körperlichen Haltung eine Eigenschaft, die zugleich Sinnlichkeit und Enthaltsamkeit in sich trägt. Dr. Mauer, der an der sexuellen Jagd unbeteiligte Freund, steht, sitzt, verharrt neben den anderen – Frauen und Männern – mit körperlicher Gefasstheit, sanft gestimmt und zulassend; ebenso aufgeschlossen lässt er sich auf die Wangen küssen, in die Luft heben oder Süßigkeiten servieren, und bleibt dabei weitgehend untätig; als er die Couch gemeinsam mit einem viel gestikulierdenen Ehepaar teilt, sitzt er minutenlang in passiver träumerischer Stellung, die Beine übereinander geschlagen, und lässt sich dabei ruhig berühren. Zweifellos kann man in seiner Haltung sinnliches Potential und erotische Bereitschaft spüren; umso bedeutungsvoller seine Zurückhaltung gegenüber einer Lebensweise, in der sich Menschen auf der Suche nach „Liebe“ einander stark verletzen. Mauer bleibt, anscheinend gegen seinen Willen, unbeteiligt – und desto liebenswürdiger.
            Bei Onkel Wanja drückt sich vor allem eine Stimmung aus, die nicht nur der Figur eigen ist, sondern auch drinnen im Haus steckt und die Lebensweise der Mitbewohner prägt: die Trägheit. Dafür benutzt diese das ganze Material, das der Schauspieler zur Verfügung stellt, als hätte sie sich schon aller Gedanken, Gefühle und Körperteile des Onkels Wanja bemächtigt: die Stimme summt wie nach einem schlechten Schlaf, die Konsonanten fallen in ihre monotone Linie wie in eine langweilige Suppe, die Füße reiben bei jedem Schritt, kraftlos, den Boden, der Anzug und die Krawatte stehen unordentlich, die Hände hängen weich und unentschlossen aus den Gelenken und der Körper sitzt schräg, in sich mit Faulheit gebeugt. Dieser Person fehlt die Luft. Es ist, als ob die Energie schon seit Langem aufgehört hätte, durch diesen Körper zu fließen, als ob sie ihn schon verlassen und ihm auch die Möglichkeit geraubt hätte, Leben einzuatmen. In der Tat muss Wanja am Ende sein bitteres existentielles Schlusswort zugebend schreien: er habe nicht gelebt.
Er steckt die Hände immer wieder in die Hosentaschen und lässt die Schultern hängen: die körperliche Haltung des Parteichefs Hoederer („Die schmutzigen Hände“) ist alles andere als gespannt, obwohl ihm Gefahr von überall droht. Nicht nur weiß er davon: so wie er selbst meint, er ist nicht immer darauf bedacht, sich zu schützen, so dass eines Tages jemand ihn bestimmt töten wird. Das ist ein guter Grund, seine politischen Pläne unverzüglich umzusetzen, jedoch keiner, seine Lebenslust zu verlieren. Mit seiner typischen, innerlichen wie äußerlichen Gelassenheit vergnügt er sich damit, mit verschiedenen bei seinem neuen Sekretär Hugo gefundenen Gegenständen zu spielen und ihm nicht nur väterlich zuzuhören, sondern ihn auch gelegentlich zu amüsieren. Typisch für ihn ist wohl aber die Art und Weise, wie er sich auf ein erotisches Spiel mit dem jungen Paar Hugo und Jessica einlässt, schon bald nach deren Ankommen: als er die junge Frau am falschen Ort erwischt (in seinem Büro, unter dem Tisch) entscheidet er sich spontan, statt sie aus ihrem Versteck zu ziehen, eine pikante Szene mit ihrem Mann unter ihren Augen vorzuführen: er fasst den verwirrten Jungen mit einer Hand an die Haare, bringt so dessen Kopf auf eine bequeme Höhe und beginnt, ihn zu küssen – die andere Hand natürlich hängend, zwischen den Fingern eine vorher angezündete Zigarette, die Körperlinie ein wenig rückwärts gebeugt, so dass sich die Körper leicht berühren, die Kniegelenken ebenso entspannt. Er küsst ihn lange und gut sichtbar, bis die Frau völlig entrüstet aus ihrem Versteck ausbricht. Hoederers körperliche Gelassenheit widerspiegelt seine spielerisch-erotische Lebenslust, die ihn durchaus charakterisiert. Schließlich ist genau das der Grund, warum ihn Hugo geliebt hat – vielleicht auch getötet.
            Wegen seines Zustandes – er ist blind und gelähmt – bleiben Hamm („Endspiel“) nur begrenzte Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung; sehen kann er nur in seinem Inneren, sich äußern – nur mittels Sprache. Sein kreatives, künstlerisches Potential kommt in Matthes‘ zum Teil gesungener Interpretation zum Ausdruck. „Lasset uns bee-e-ten“, singt Matthes an einer Stelle wie im Gottesdienst, und lässt eine humorvolle Selbstironie in die Melodie hineinfließen, die besagt: wir können doch keine Antwort darauf erwarten! Abgesehen von diesem kurzen Gesangmoment verleiht er jedem routinierten Spiel mit Clov stimmliche Schattierungen, die eher an Sprechgesang grenzen, wie z.B. in der von beiden mehrmals geübten Geschichtenerzählung oder in den spielerisch-launischen Anweisungen für Clov, den Stuhl genau in die Mitte zu schieben. Von Becketts Text erfährt man, dass bei dieser Figur das Bewusstsein, dass er sich auf einer Bühne (mitten in einem Spiel) befindet und von jemandem von Außen betrachtet wird (werden könnte), besonders geprägt ist. Die Tatsache findet ihren besten Niederschlag im Gesang: während die Sprache überall im Alltag als Kommunikationsmittel verwendet wird, geschieht das Singen nur in einem künstlerischen Rahmen, vor allem auf der Bühne. Insofern lässt sich diese Interpretation von Hamm als singender Mensch als Ausdruck seines bewussten künstlerischen Befindens verstehen.
            Anmut würde man dem König Philipp in „Don Carlos“ nicht unbedingt zutrauen, auch wenn er in dem schmächtigen und jungenhaften Körper von Ulrich Matthes erscheint. Jedoch war gerade diese die erste Eigenschaft, die mir bei der Figur des Königs auffiel, als er mit ungekünstelter Eleganz und langsamen Bewegungen die Bühne betrat. Auf den zweiten Blick ließ sich aber feststellen: es ist nicht weniger als die Anmut einer lauernden Raubkatze. Schon in der ersten Szene, vor dem eigentlichen Beginn der Handlung, lässt sich Philipp relativ weit im Hintergrund erblicken, er lauscht, steht still, verschwindet geräuschlos. Seine Schritte hört man von der ersten Reihe des Zuschauerraums während der dreieinhalbstündigen Aufführung nie. Sein Sprachtempo ist den vorsichtigen Bewegungen angepasst, die Haare haben etwas Löwenhaftes an sich. Doch die Jagd ist nicht einseitig: es ist bis zum Ende nicht sicher, ob die Raubkatze auf Beute lauert oder ob sie behutsam ein für sie vorbereitetes Fangnetz zu vermeiden versucht. Ein kurzer Moment nach dem Tod des Marquis von Posa stellt die Weichen für den gleich kommenden Ausgang: Don Carlos verbleibt eine Weile lang neben der Leiche des geliebten Freundes, während Philipp im Hintergrund erscheint und stehen bleibt: düster, den Kopf leicht nach einer Seite gebeugt, die Glieder gespannt und den Blick unweigerlich ins Gesehene gesaugt, voller unendlicher Eifersucht. Jeden Moment erwartet man einen Sprung mit tödlichen Konsequenzen. Es wird klar: dieser zum Raubtier gewordene Mensch, schon am Blut riechend, würde lieber seine Beute bedenkenlos auf der Stelle zerfleischen. War der König Philipp je so zurückhaltend – und doch so gefährlich?
            Dagegen Alfred Ill („Der Besuch der alten Dame“), den seine Jugendliebe „mein schwarzer Panther“ nannte: keine Spur von der Kraft und der Wachsamkeit einer Raubkatze bei diesem graugewordenen Krämer. Wer gestern wie ein Panther war, ist heute ein verworrener und durchaus milder Mann; und wer gestern Täter war, muss heute zum Opfer fallen. Er bewegt sich hin und her wie durch Nebel und kann den Sinn weder des Ganzen, noch des Moments, nicht erfassen. Seine Reaktionen kennzeichnet eine mangelnde Reflexivität, eine Eigenschaft, die sich innerhalb der Aufführung in unterschiedlichen Formen niederschlägt. Beim Wiedersehen mit Claire gleitet seine Sprache farblos zwischen Worten, das Lächeln ist ziemlich förmlich und leblos, manchmal unterwürfig, und der Blick ist von einer erloschenen Milde. Sein Benehmen verrät, dass ihn je keine Ahnung davon erreicht hat, was die junge Frau damals seinetwegen durchgemacht haben konnte. Wenig später gerät Alfred Ill in Panik und sucht Hilfe bei den anderen: seine Stimme klingt in diesem Teil konstant roh, stark und undifferenziert. Als der Pfarrer auf die Bühne kommt, wird neben ihn auch ein Kreuz geschoben. Alfred Ill umklammert es plötzlich, dann stellt er sich mit dem Rücken dagegen, den Kopf an das Kreuz gelehnt, so dass für einen kurzen Moment der Eindruck der Einwilligung entsteht. Im folgenden Augenblick beginnt er aber, im selben prosaischen Ton von den neuen Waschmaschinen und Apparaten der Bürger zu sprechen: dadurch wird der vielleicht auch in seinem Sinn entstehende Gedanke an das christliche Opfer abgebrochen und bleibt unverarbeitet. Im dritten Akt behauptet er, was ihm passiert sei die Gerechtigkeit. In seinem Versuch, diese angebliche Realität zu akzeptieren, bewegt sich der Mann wie im Traum und hinterfragt das Geschehene nicht mehr, sondern begibt sich an den Ort seiner Hinrichtung: verlangsamte Bewegungen, geisterhafter Blick, in seinen Gesichtszügen einen versteinerten Ausdruck des Grauens, in seiner Sprechweise ungewöhnlich lange und eigenartig schallende Töne. Mit seiner unterwürfigen Einfachheit kommt er zum pauschalen Schluss, er beende ein sinnloses Leben. Ob der Sinn irgendwo auf dem Weg zu spüren hätte sein können, hätte diese Figur bessere reflexive Fähigkeiten?
Die von mir als Konstante angegebenen Merkmale weisen innerhalb der Aufführungen eine gemeinsame Funktion auf: am Anfang wirken sie für ihre jeweilige Rolle als Voraussagen, als „Schicksalsankündigung“, und während der Aufführung als dessen Bestätigung. Wie schon angedeutet, sie scheinen oft die Verantwortung für den Verlauf und den Ausgang der Geschehnisse zu tragen, so dass der Zuschauer die Entwicklung – in den meisten Fällen den Verfall – der Figur gedanken- und gefühlsmäßig leicht nachvollziehen kann. Die Folgen dieses bogenartigen Aufbaus sind für die Aufführung als Ganzes unschätzbar: es genügt, dass Ulrich Matthes auf der Bühne steht, damit der Abend Kohärenz und Sinn bekommt, Erwartung und Erfüllung, Anfang und Ende.

*

Wenn auch im Falle der Hörbücher das Ohr gewisse Stimmfarben als kennzeichnend für die Erzählung wahrnimmt, bleiben diese selten konstant die ganze Handlung hindurch. In diesem Bereich ist die Lage anders: das hier einzig anwesende Medium – die Stimme – sorgt auf der einen Seite für die Wiedergabe unterschiedlichster Eigenschaften, Gefühle und Launen der Figuren, und schafft auf der anderen Seite die Atmosphäre des Ganzen. Was bei einem Bühnenprozess als bogenartiger Aufbau erscheint, findet hier seine Entsprechung in der Schaffung einer allgemeinen Stimmung. Da aber in den folgenden Beispielen immer die Rede von einer Hauptperson ist, auch wenn Matthes nicht als Ich-Erzähler auftritt oder mehrere Rollen spielt, steht die Stimmung in direkter Verbindung mit der zentralen Figur. Aussagekräftig sowohl für die Einführung des Zuschauers in die Stimmung, als auch für die Charakterisierung der Hauptfigur sind in den ausgewählten Beispielen immer die ersten Sätze des jeweiligen Hörbuches.
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte...“ Den Anfang kennt jeder. Denn jeder von uns, der sich auch nur ein wenig mit Literatur beschäftigt hat, hat mindestens einmal Kafkas Verwandlung gelesen. Ulrich Matthes lässt den berühmten Satz langsam und müde erklingen, die Stimme näselnd, mit einer winzigen, wirkungsvollen Pause nach dem „Samsa“. Den Namen gibt er in einem Ton wieder, der den Gedanken an Kopfschmerzen erweckt. Durch das triste Sprachtempo und die verdunkelte Stimmfarbe macht der Anfang der „Verwandlung“ den Eindruck eines öden, humorlosen, krankhaften Morgens, wo der Nebel draußen nichts anderes ist als der Nebel im Kopf.
            Pnin: genauso wie der Name bekommen in dieser Erzählung die Konsonanten einen kurzen, knackartigen Laut und eine deutlich intensivierte Betonung. Dagegen die Vokalen: diese verwöhnen sich in langatmigen luftigen Tönen, in heiteren Farben, in raffinierter Aussprachegenauigkeit. In der kreativen Mischung von Kurzatmigkeit und Geduld, von Festem und Lockerem, von kahler Konkretheit und äußerstem Raffinement kommt die Absicht einer feinen Ironie unmissverständlich zum Ausdruck. Der Kontrast ruft das Bild eines menschlichen Stolperns durchs Leben hervor, das aber nicht verloren geht, sondern von einem Humoristen betrachtet, berichtet und nicht zuletzt stark genossen wird.
            Matthes‘ Aussprache in Hesses Siddhartha fällt insbesondere durch ihre ausdrückliche Eleganz auf, durch die geduldig, vollstimmig schallenden Laute und eine zwischen Stärke und Zärtlichkeit ausgeglichene Wortgestaltung. Die regelmäßigen Betonungen, in langen Schritten nacheinander folgend, heben den lyrischen Aufbau des Anfangs hervor: manche Sätze, die die Umgebung Siddharthas und dessen Ausstrahlung mithilfe wörtlicher und struktureller Wiederholungen schildern, zeichnen sich durch eine für den Daktylus Versfuß typische Alternanz von Hebungen und Senkungen aus. Wenn man diesen Anfang leicht in Verbindung mit der außergewöhnlichen Schönheit eines stolzen jungen Mannes bringen kann, ist er jedoch keineswegs intim. Im Gegenteil, die Stimme erreicht das Ohr von einer gewissen Entfernung und der Ton trägt die ganze Zeit sogar eine neutrale Kälte in sich, als wäre das Beschriebene eine Frage der öffentlichen Zustimmung: alle kennen Siddhartha, alle folgen seinem Erwachsenwerden mit Bewunderung und Liebe; es ist kein Geheimnis, es herrscht kein Widerspruch. Doch der spürbare Abstand deutet auch auf eine andere mögliche Distanz hin: Siddharthas innere Distanz zu sich selbst und zu seiner Umgebung.
            Der Anfang  von Demian gibt am deutlichsten Auskunft über das Alter der Hauptperson. Das heitere, dynamische Sprachtempo und die frisch klingende Stimme drücken jugendliche Ungeduld und Unschuld aus: der Held der Erzählung ist am Anfang 10 Jahre alt und wächst in einem sauberen Haus der guten Sitten auf, wo Ordnung herrscht. Kennzeichnend für dieses Hörbuch scheint mir die Kurzlebigkeit des fröhlichen Leserhythmus, sein vollkommenes Verschwinden gleichzeitig mit der nach kurzen Minuten Verwandlung der Sprechweise: von der sorglos-heiteren zu einer äußerst intimen, geheimnisvollen, teils melancholischen. Die „väterliche Welt“ der Ordnung, mit fröhlicher Stimme wiedergegeben, beweist dadurch ihre Zerbrechlichkeit und ihre Unverträglichkeit mit dem Erwachsenwerden, oder mit der „anderen“ Welt, vor der versucht wird, den Knaben Emil Sinclair zu beschützen. Durch eine ebenso geheimnisvolle Sprechweise ausgedrückt, schleicht sich schon früh in der Erzählung diese zweite, verbotene Welt in die Gedanken des Zuhörers, als Ahnung ihrer künftigen Bedeutung für den zu sich selbst reisenden Jungen.
            Der selbsternannte Bußrichter Clamans (Der Fall) fängt die Aufmerksamkeit eines fremden Mannes, sowie die des Zuschauers, durch eine leicht unklare und bescheiden klingen wollende Stimme. Das gelegentlich hörbare müde Atmen, die Verzögerungen und die zweideutigen Betonungen, die seinem Reden einen studierten Eindruck verleihen, wecken den Gedanken an eine versteckte Absicht des Sprechers gegenüber seinem noch unbekannten Gesprächspartner. Was sich in diesem Netz von uneindeutigen Nuancen auszeichnet, ist ein mehrmals im ersten Teil wiederholtes, nach meiner Kenntnis von Matthes nirgendwo sonst benutztes Lachen: nicht länger als ein amüsiertes „Hm“, lautlos, allein von der körperlichen Spannung eines energischen Ausatmens hergestellt und vor allem spöttisch, prägt dieses Lachen Clamans‘ Sprechweise. Es spiegelt vermutlich das andere, von ihm auf der Brücke gehörte Lachen, das ihm sein Leben auf einen Schlag geändert hat. Während er selbst seine Lebensbeichte als Bestrafung einer Sünde (nämlich Selbstgefälligkeit) versteht, verrät möglicherweise das vom Schauspieler hinzugefügte Lachen eine noch subtilere Absicht des Sprechers: einen anderen erfahren lassen, wie sich das spöttische Lachen anfühlt, so dass er selbst wieder das erwünschte Überlegenheitsgefühl spüren kann. Clamans‘ angeblicher Monolog erweist sich eigentlich als ein Dialog, wo die Textzeile des Gegenübers nicht hörbar sind, als wären sie gestrichen worden, so dass sich die Aufmerksamkeit nur auf einen einzigen konzentrieren kann; genauso wie der Inhalt, deutet der Aufbau des Textes auf Selbstgefälligkeit hin. Die auf eine subtile Weise herablassende Sprechweise des Schauspielers (vor allem, aber nicht nur durch das Lachen) stimmt damit völlig überein.
            Den emotionslosen Lebensbericht von Arthur Meursault (Der Fremde) gibt Ulrich Matthes in einem undifferenziert traurigen Ton wieder, der aber kein Traurigkeitsgefühl ausdrückt: der Ich-Erzähler erlebt Trauer, Liebe, Freundschaft, dann Mord und Todesurteil, ohne dass sich die allumfassende Stimmfarbe tatsächlich ändert. So wie in der Erzählung die Abwesenheit jeder seelischen Regung thematisiert wird, sprechen in diesem Hörbuch eigentlich die Pausen mehr als die Stimme selbst. In der Monotonie des Sprechens fallen sie auf, verleihen ihm Rhythmus – eine Art schwacher Puls – und ermessen durch ihre variable Länge den Abgrund der Gefühlsblindheit. Bei der Ankündigung des Todesurteils erkämpfen sich die Sprechpausen mehr Zeit als zuvor: bedrückend sind sie, ungefähr eine Ein- und Ausatmung lang – unabsichtlich schätzt sie der Zuhörer durch sein bloßes Lebendigsein ab, durch sein Herzklopfen, durch sein vielleicht in diesem Moment beschleunigtes Atmen. Wenn Ulrich Matthes Gefühle ausdrückt, kann man leicht nachvollziehen, warum es diese gibt; wenn er keine ausdrücken darf, spürt man am eigenen Körper, dass es sie hätte geben sollen.

*
Eine einfache Geste, ein Schritt, ein etwas höheres oder tieferes Satzende, ein kurzes Lachen: als ich diese Merkmale wahrgenommen habe, haben sie in erster Linie für das ästhetische Theatervergnügen gesorgt. Dann aber sind sie immer wieder in meinen Gedanken aufgetaucht, als bloße Fragen oder als andauernder Nachhall einer Stelle mit einer mir noch unbekannten Botschaft. In den oberen Absätzen ging ich dieser Botschaft nach und bin, indem ich eine einzige Spur verfolgt habe – die ästhetische Partikularität einer Rolle, oft auf ein kleines Zeichen eingeschränkt – in den Kern des Werkes und der Rolle gelandet. Dass die Interpretation und das von einem Autor Dargestellte übereinstimmen, mag selbst keine Überraschung sein. Vielmehr beeindruckt der Kontrast zwischen diesen kurzlebigen, angeblich  kleinen Merkmalen, und dem Umfang der von ihnen in Gang gesetzten Gedanken und Fragestellungen, der von ihnen geöffneten Perspektiven. Was bedeutet schließlich, dass man die Schritte eines Königs nicht hört? Unter allen gesellschaftlichen Rollen sollte doch der König durch seine Machtposition und die Öffentlichkeit seines Tuns die lauteste Figur überhaupt sein. Was geschieht, wenn in einem gesellschaftlichen Kreis eine ganze Seite der menschlichen Existenz verboten wird und welche Konsequenzen hat diese auf den Einzelnen? Wenn Erotik etwas Anderes als die sexuelle Jagd ist, was ist das Verhältnis zwischen erotischer Bereitschaft und Enthaltsamkeit oder zwischen Sex und Aggressivität? Wie kann man jahrelang leben und doch sein Leben verpassen? Wo ist der Sinn zu finden und was ist die Wechselwirkung zwischen Sinn und Reflexivität? Jenseits dieser Fragen entstehen bei genauer Überlegung auch theaterspezifische: weshalb können viele komplexe Rollen ausreichend durch ein ästhetisches Merkmal charakterisiert werden, andere aber entkommen diesem Prozess? Solche Fragen, die allein durch die Beobachtung ästhetischer Eigenschaften der Rollen entstanden sind, könnten natürlich jederzeit gute Ansatzpunkte für weitere theatrale Überlegungen bilden.
            Vor dem Hintergrund des breiten Spektrums der Rollen legen Matthes‘ leicht erkennbare Erscheinung und seine unverwechselbare Stimme die Tatsache offen, dass sich die Vielfalt der Welt unabhängig von groben Formänderungen manifestiert. Sie kann durch einen Schauspieler beispielhaft zum Ausdruck kommen, der auf der Bühne immer auch etwas von sich selbst erzählt und für viele als „derselbe“ auftritt. Insofern zeigt das Spiel von Ulrich Matthes nicht nur die Vielfalt der menschlichen Möglichkeiten offen, sondern auch die Möglichkeiten des einzelnen unverstellten Menschen überhaupt.

(Geschrieben: April 2017)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen