Donnerstag, 11. Oktober 2018

Derselbe, immer anders: Ulrich Matthes und die ästhetischen Merkmale seiner Rollen

Ulrich Matthes‘ äußerliche Erscheinung ändert sich kaum von Rolle zu Rolle: auf der Bühne trägt er meistens einfache Kleidung, wenig Schminke, selten eine Perücke; mit wenigen Ausnahmen – wie im „Endspiel“, wo er Blindenbrille und ein glänzends Kostüm anhat, oder in „Macbeth“, wo der königliche Mantel seinen nackten Oberkörper deckt – sieht er fast genauso wie bei einer Lesung aus: kaum verborgen, bleibt der Mensch Ulrich Matthes in jeder Rolle leicht erkennbar. „Matthes ist immer derselbe“, meinte eine Bekannte, und ich konnte ihr eigentlich nicht widersprechen. Er ist derselbe – jedoch immer anders. Ein eifersüchtiger König, ein verkrachter Krämer, ein bedrohter Politiker, ein verliebter Onkel, ein verheirateter Wissenschaftler, ein guter Freund, ein Gelähmter, ein alter Schiffskapitän, ein skeptischer Banker, zwei weitere Könige, ein namenloser Er und viele weitere Personen tauchen auf der Bühne in derselben Gestalt auf und teilen den Körper, die Stimme, die Bewegungen und dieselbe magnetische Präsenz des Schauspielers, ohne dass sie weitere Ähnlichkeiten vorweisen. Dasselbe kann man auch bei Matthes‘ Hörbüchern bemerken: seine Rollen fühlen sich völlig anders an.
Es ist nicht meine Absicht, in dieser Arbeit die von Matthes verkörperten Figuren ausführlich zu charakterisieren. Vielmehr liegt mir am Herzen, in wenigen Worten das zu fassen, was ich bei einigen von ihnen als kennzeichnend und „anders“ wahrgenommen habe. Dem Zuschauer werden die Eigenschaften der Figuren, trotz derer unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Reaktionen von einer Szene zu der anderen, durch ihre besondere Ästhetik vermittelt – und sei diese noch so fein differenziert, dass die Unterschiede kaum bemerkbar sind. Während sich im Falle der Hörbücher eher ein Prozess der Stimmungserzeugung beobachten lässt, weisen die meisten szenischen Rollen sichtbare, hörbare, bewegungs- oder haltungsbezogene Merkmale auf, die sich durch die Handlung wie eine Konstante gegen wilde Gemütswendungen und extreme Ereignisse schlagen. 

Endspiel ohne Ende

"Altes, von jeher verlorenes" Spiel? Die Inszenierung "Endspiel" mag ziemlich alt sein, sie gewinnt aber bei jeder Gelegenheit unser Lachen und unsere Herzen. Mit nur zwei Schauspielern und einem Stuhl, mit ihrer Spiel-im-Spiel-Handlung und den anregenden Dialogen steht die Inszenierung von Jan Bosse paradigmatisch für das Theater als einfacher Live-Vorgang: ungeschmückt und minimalistisch, setzt sie allein auf die Kunst der Schauspieler (Ulrich Matthes und Wolfram Koch) und auf die Teilnahme der Zuschauer. Ein Spiel, das man lieber immer wieder erleben würde, ein endloses, weil zeitloses Spiel.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Ein Aufruf zum Zusammenhalt gegen bewaffnete Bedrohung

"Das Feuerschiff" im Deutschen Theater Berlin

Premiere am 5. März 2016
Regie: Joshua Rösing
Kapitän Freytag: Ulrich Matthes
Dr. Caspary: Hans Löw
Fred: Timo Weisschnur
Eugen / Edgar: Božidar Kocevski

Es gehört zur heutigen Berliner Theaterpraxis, mitunter auch Stücke mit mehr oder weniger expliziten politischen Inhalten aufzuführen. Was die besondere Stellung der Inszenierung „Das Feuerschiff“ nach der Erzählung von Siegfried Lenz des Deutschen Theaters Berlin in diesem Kontext ausmacht, ist nicht nur der für heute höchst relevante Konflikt zwischen bewaffneten und unbewaffneten Menschen, sondern vor allem der Umfang der Diskussion überhaupt: das Theater fungiert hier als ein Agent, der eine brennende Frage aus der Gesellschaft übernimmt – die Frage nach dem Umgang mit Gewalt – seine Mittel zur Verfügung stellt und den Zuschauern persönliche Einsichten zu politischen Themen ermöglicht. Die theatralen Zeichen fungieren hier, in Abwesenheit von schlüssigen Äußerungen der Figuren und indem sie keine eindeutige Botschaft darbieten, ausschließlich als Gedankenauslöser. Dadurch wird die Antwort dem Zuschauer überlassen, entsteht in seinem Inneren und gelangt durch ihn in die Gesellschaft zurück, wo die Frage überhaupt entstanden ist.
Die Zusammenkunft dreier Aspekte des Menschenlebens in derselben Inszenierung   die Politik, das Theater und die Suche des Einzelnen nach Antworten – bildet eine solide Grundlage für einen Theaterabend voller gesellschaftlich relevanter Gedanken. Umso verwunderlicher ist es, dass nach der Premiere des „Feuerschiffs“ im März 2016 so gut wie keine solchen Gedanken schriftlich geliefert wurden. Insofern bietet die Inszenierung auch einen guten Anlass zum Nachdenken über die heikle Beziehung zwischen der Bühne und dem Publikum und über deren Ansprüche aneinander.
Die folgende Analyse konzentriert sich zum einen auf die Rezeption des Abends, zum anderen auf den inszenatorischen Aspekt der Aufführung, mit dem Zweck,  eine Interpretation des Ganzen zu formulieren. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Szene, die in ihrer Mehrdeutigkeit am meisten von dem Rezipienten verlangt: das offene Ende. Anders als in der Erzählung von Siegfried Lenz bietet die Schlussszene in Josua Rösings Inszenierung keine expliziten Hinweise auf den Ausgang der Geschehnisse: 

Hat das Theater an Relevanz verloren?

Die Aufführung von „Macbeth“ im Deutschen Theater Berlin, am 14. November 2015, ein Tag nach den Anschlägen in Paris, widerspricht dieser Hypothese.

Wer sich auch nur ein wenig mit dem Theater beschäftigt hat, kennt bereits den blutigen Inhalt des Stücks sowie die finsteren, damit verbundenen Gerüchte und Geschichten. Allein der Gedanke, „Macbeth“ in dem heutigen politischen Kontext zu sehen, bereitet einem eine gedrückte Stimmung von Unruhe und Betrübtheit: schweigsam sitzt das Publikum im Saal und wartet auf den Beginn der Aufführung, als die Hauptdarsteller, Ulrich Matthes und Maren Eggert, auf der Bühne erscheinen. Wir werden im Namen des Deutschen Theaters gebeten, eine Schweigeminute für die Opfer einzulegen. Es wird noch klarer, dass dieser Abend unter dem Zeichen der furchtbaren Geschehnisse steht.

„So schlimm und schön sah ich noch keinen Tag“ ist Macbeths erste Textzeile. Nachdem er die Bühne betrat, schwankend wie nach heftigen Kämpfen, spricht Ulrich Matthes den Beginn kräftig aus und macht vor dem Wort „schön“ eine kleine, aber unüberhörbare Pause. Dieses Wortpaar – „schlimm und schön“ – enthält einen Kontrast, der von dem Schauspieler besonders betont wird. Daraus entstehen weitere Dimensionen unserer theatralischen Begegnung. Die erste Dimension besteht in dem Kontrast zwischen dem Gräuel dieser Tage und der wohltuenden Zusammenkunft im Theater.  Ferner haben wir mit einer ästhetischen Dimension zu tun: während Matthes die Rolle eines Mörders spielt, der stolz auf seinen Mut zu blutigen Taten ist, gewährt er uns, durch die Wahrhaftigkeit seiner Stimme und seiner Sprechweise, einen Einblick in das weitreichende Potenzial des menschlichen Bewusstseins. Das lässt sich auch in der Spannung zwischen zwei Haltungen feststellen: die des dargestellten Mörders, für den ein Tag auf dem Kampffeld auch als „schön“ beschrieben werden kann, und die einer echten Person, der solche Taten  äußerst widerlich sind. Diese Spannung nährt und steigert Ulrich Matthes, indem er die beiden Extreme noch deutlicher macht: auf der einen Seite Macbeths Aggressivität, die hier mit drohender Stimme wiedergegeben und dem Urteil des Publikums ausgesetzt wird, auf der anderen Seite den Ekel vor der Tat und die damit verbundene Qual, die sich in dem gebrechlichen, wie vom Übel gefassten Körper des Schauspielers, der manchmal nahe einer Ohnmacht zu sein scheint, in den Sprechpausen und in der Langsamkeit der Bewegung widerspiegeln.

Gegen Ende fasst Macbeth seine bisherige Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens so zusammen: „Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild (...) voller Klang und Wut, das nichts bedeutet“ – voll Klang und Wut, aber auch voll Bedeutung durchbricht die Stimme die Luft und die Dunkelheit des Raumes, wo wir uns befinden. Und könnten wir, als Teil der heutigen, von den Grausamkeiten des Terrorismus erschütteten Gesellschaft, die Botschaft der Bedeutungslosigkeit eines Menschenlebens anders als höchst relevant für unsere Gegenwart empfinden? In diesem Moment äußert sich nicht nur Macbeth zum eigenen Leben, sondern auch ein Zeuge der letzten Tage, der machtlos zusehen musste, wie unzählige Leute niedergemetzelt wurden und wie ein Leben in diesem Kontext nichts bedeutet.

Für diejenigen, die meinen, man gehe ins Theater um sich vom Alltag zu lösen, muss hier eines betont werden: an diesem Abend haben wir, die Zuschauer, Ulrich Matthes sowohl in einer Shakespeare-Figur erlebt, als auch in einer gemeinschaftlichen Aktion, in der wir alle eine Gedenkminute abhielten. Auf der einen Seite hat er sein schauspielerisches Vermögen in der Gestaltung einer Figur eingesetzt, auf der anderen Seite hat er uns, durch sein vorzeitiges Auftreten auf der Bühne, als Vertreter des Deutschen Theaters, Gefühle vermittelt, die dem Macbeth selbst fehlen, wie Mitleid, Gemeinschaftsgefühl und Rücksicht auf Menschenleben. Gerade solche Nebeneinandersetzungen machen das Theater lebendig, gerade an solchen Abenden stellt man am deutlichsten fest, dass das dramatische Theater zwei Autoren besitzt: den Dichter und die zeitgenossische Geschichte.

(Geschrieben: 16. November 2015)