Ulrich Matthes‘ äußerliche Erscheinung
ändert sich kaum von Rolle zu Rolle: auf der Bühne trägt er meistens einfache
Kleidung, wenig Schminke, selten eine Perücke; mit wenigen Ausnahmen – wie im
„Endspiel“, wo er Blindenbrille und ein glänzends Kostüm anhat, oder in
„Macbeth“, wo der königliche Mantel seinen nackten Oberkörper deckt – sieht er
fast genauso wie bei einer Lesung aus: kaum verborgen, bleibt der Mensch Ulrich
Matthes in jeder Rolle leicht erkennbar. „Matthes ist immer derselbe“, meinte
eine Bekannte, und ich konnte ihr eigentlich nicht widersprechen. Er ist derselbe
– jedoch immer anders. Ein eifersüchtiger König, ein verkrachter Krämer, ein
bedrohter Politiker, ein verliebter Onkel, ein verheirateter Wissenschaftler,
ein guter Freund, ein Gelähmter, ein alter Schiffskapitän, ein skeptischer Banker,
zwei weitere Könige, ein namenloser Er und viele weitere Personen tauchen auf der
Bühne in derselben Gestalt auf und teilen den Körper, die Stimme, die
Bewegungen und dieselbe magnetische Präsenz des Schauspielers, ohne dass sie
weitere Ähnlichkeiten vorweisen. Dasselbe kann man auch bei Matthes‘ Hörbüchern
bemerken: seine Rollen fühlen sich völlig anders an.
Es ist nicht
meine Absicht, in dieser Arbeit die von Matthes verkörperten Figuren ausführlich
zu charakterisieren. Vielmehr liegt mir am Herzen, in wenigen Worten das zu
fassen, was ich bei einigen von ihnen als kennzeichnend und „anders“
wahrgenommen habe. Dem Zuschauer werden die Eigenschaften der Figuren, trotz
derer unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Reaktionen von einer Szene zu der
anderen, durch ihre besondere Ästhetik vermittelt – und sei diese noch so fein
differenziert, dass die Unterschiede kaum bemerkbar sind. Während sich im Falle
der Hörbücher eher ein Prozess der Stimmungserzeugung beobachten lässt, weisen
die meisten szenischen Rollen sichtbare, hörbare, bewegungs- oder
haltungsbezogene Merkmale auf, die sich durch die Handlung wie eine Konstante gegen
wilde Gemütswendungen und extreme Ereignisse schlagen.