Montag, 11. März 2019

Andauernde Gegenwart

Die Bühnenfigur weiß nicht, was ihr in der nächsten Szene widerfahren wird. Der Zuschauer (meistens) schon. Der Schauspieler auf jeden Fall. So klar waren mir vor ein paar Jahren die Verhältnisse dieser drei an einem Theaterabend beteiligten Personen zur Handlung. Wenn ich den Text schon kannte, wie oftmals der Fall war – denn ich bin keine Zuschauerin, die die Überraschungen liebt, sondern eine, die in ein Werk gedanklich, emotional, kreativ eintauchen will, und das bedeutet: wiederholte Beschäftigung damit – ertappte ich mich häufig beim ungeduldigen Erwarten einer gewissen Szene. Wie wird sie diesmal gespielt? Wie wird der Schauspieler den bekannten Monolog wiedergeben? Wie lässt die neu entdeckte Opernstimme die Arie des Helden klingen? Mein Zustand war alles andere als bloßes Nachdenken darüber: im Spiel waren Regungen, freudiges Herzklopfen, fieberhafte Unruhe.  Es schien mir manchmal, als ob ich intensiver in Erwartung vom Kommenden lebte, als in der Gegenwart des Gesehenen. Durch Ulrich Matthes entdeckte ich aber eine weitere Möglichkeit des Zuschauens. 
Als ich zum ersten Mal eine deutschsprachige Aufführung sah*, hatte ich eine jahrelange Beschäftigung mit der Oper hinter mir, hatte viele Abende im Theater verbracht und war schon Fan von mehreren Kinostars gewesen. Ulrich Matthes‘ Stimme kannte ich schon seit einem Jahr und wusste, wer er ist: ein „Ausnahmeschauspieler“, der „Schauspielkönig“ Berlins. Begriffe, die trotz ihrer Richtigkeit das Besondere an seinen Bühnenauftritten unerklärt lassen. Großes Theater – das erwartete ich; jedoch nicht eine vollkommen neue Erfahrung. Sein Auftritt an jenem ersten Abend ließ mich gleich staunen. Mich überwältigte ein Gedanke, den ich damals spontan und unpräzise formulierte als: „Er macht es anders.“ Nicht etwa „er spielt anders“ oder einfach „besser“. Es war, als ob ich hier mit einer anderen Form von Handeln zu tun hatte, als ich von der Bühne erwartete. Der Eindruck, dass der Schauspieler anders agiert, bestätigte sich immer wieder in den nächsten Jahren. Seine Lesungen, so kurz sie manchmal auch sind, üben dieselbe Wirkung auf mich aus.
            Obwohl mir zahlreiche Beispiele einfallen, werde ich mich im Folgenden auf eine einzige Inszenierung des Deutschen Theaters beziehen: „Die schmutzigen Hände“ von Sartre, wo Matthes den Parteichef Hoederer spielt. Sie scheint mir wegen eines Überraschungselements – eine Explosion im 4. Akt – geeignet, meine Gedanken anschaulich zu machen. In dieser Szene sind die Figuren (Hoederer, sein Sekretär Hugo und zwei Gäste von anderen Parteien) gerade in heiklen politischen Verhandlungen verwickelt, als eine Explosion stattfindet. Der Bühnenraum färbt sich rot, die Gespräche werden unterbrochen, die Männer lassen sich zu Boden fallen.